Erster Schultag

Schultüten für Japan...
Erinnerungen
Meine Mutter rief mich am Morgen zu sich in die Stube. In die „gute“ Stube. Die betraten wir nur, wenn Besuch kam oder besondere Ereignisse zu erwarten waren. Der Schulanfang schien solch ein Ereignis zu sein. Dort auf dem Tisch gleich neben dem Klavier lag meine neue Schürze. Sie gefiel mir, sie hatte Rüschen und breite Bänder.

Nachdem ich sie angezogen hatte, musste ich mich ganz still auf einen der Stühle mit den hohen Rückenlehnen setzen, damit meine Zöpfe akkurat geflochten und zu einem Kranz gesteckt werden konnten.

Barfuss gehen war gesund, und bei uns in der Bauernwirtschaft wurde viel gespart, aber zu meinem Festtag durfte ich die guten Schuhe anziehen.
Aber sie drückten. „Warum guckst du schon wieder so ernst! Lach doch mal.“ Worüber denn, fragte ich mich. Ich hatte Angst und wäre viel lieber in meinen geliebten Wald gegangen. Im Dickicht hätte ich mich verkriechen können. Aber ich musste mit meinen Eltern den Weg gehen. Den ich fortan viele Jahre gehen musste.

Wir Kinder wurden in einen großen Raum geführt und sollten uns an die Holzbänke setzen. Jede der Bänke hatte fünf Klappsitze. Ich wurde in die Mitte geschoben und fühlte mich eingeengt. Als Rosi neben mir Platz nahm, wich dieses Gefühl einer gewissen Erleichterung. Denn Rosi kannte ich schon vom Spielen auf der Dorfstraße.

Vorn sahen wir die Tafel, bunt bemalt mit bunten Zuckertüten und Blumen. Rechts in der Ecke waren graue Decken aufgehängt, daran baumelten einige Pfefferkuchen. Das sollte das Hexenhaus sein. Größere Kinder spielten uns das Märchen „Hänsel und Gretel“ vor. Ich bekam nicht viel davon mit, weil ich auf die Toilette musste. Und da gab es gleich mehrere Probleme: Erstens, wie komme ich aus der Bank heraus? Zweitens, wie begründe ich dann mein Aufstehen? Drittens, wo ist eigentlich hier eine Toilette? Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz herum. Ich hatte Angst. Rosi fragte mich leise, ob ich mal müsste. Ich flüsterte zurück, ja, aber ich trau mich nicht.

Oh, hatten wir da etwas Verbotenes getan? Die Lehrerin kam an unsere Bank, nahm unsere dicken Zöpfen in beide Hände und stieß unsere Köpfe fest zusammen. Es klang hart und dumpf. Körper und Seele taten gleichermaßen weh. „Hier wird nicht geschwatzt“ waren die Worte der Lehrerin mit den strengen Augen. Mir verging davon mein dringendes Bedürfnis.

Nach dem Märchen gab es die Zuckertüten. Sie lagen vorn auf dem Lehrertisch. Die Lehrerin teilte sie aus. Dazu kam sie an unsere Bank. Ich hielt meine ganz fest und wollte es nicht glauben, dass sie nun mir gehören würde.

Als keine Zuckertüte mehr übrig war, begann ein Mädchen; das weiter hinten saß, bitterlich zu weinen. Später erfuhr ich, dass sie Marie hieß und dass die Eltern kein Geld für eine Zuckertüte hatten.

Ich konnte mich gar nicht mehr über meinen Besitz freuen. Ich schämte mich. Es war ganz still im Raum. Nur das leise Schluchzen war zu hören. Die Lehrerin bat uns, etwas aus unserer Tüte abzugeben. Was war ich darüber froh! Gleich verzieh ich ihr ein wenig die Zopfgeschichte. Die Eltern halfen beim Tütenöffnen. Ich guckte neugierig in meine hinein. Es war nicht viel darin. Selbstgebackene Plätzchen, Bonbons, eine Tafel Schokolade und kleine Süßäpfel. Kein Vergleich mit der Fülle und Auswahl von heute.

Marie weinte nicht mehr. Auf ihrem Platz häuften sich die Gaben. Dann gingen alle wieder nach Hause. Meine Schürze und die Schuhe wurden in den Schrank gelegt...

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